Der Tote im Stadtpark
Der Tote liegt in den Büschen beim alten Denkmal
im Stadtpark. Nils Krüger hebt das Tuch von der Leiche, als seine
Chefin zum Tatort kommt. "Udo Behling", sagt Kommissarin Marlene Kemper
nach einem kurzen Blick. "Kein unbeschriebenes Blatt."
Behling ist in der vergangenen Nacht erstochen worden. Ein paar Schrammen
auf seinem tätowierten Handrücken legen nahe, dass er mit seinem
Mörder gekämpft hat.
Nils Krüger zeigt der Kommissarin ein Paar
extravagante goldene Ohrringe. "Schauen Sie sich mal an, was wir
in
seiner Jackentasche gefunden haben!"
"Hübsch", meint Marlene. "Ob er sie selbst getragen hat?"
"Erinnern Sie sich an den Überfall auf den Juwelier vor zwei Tagen?",
fragt Krüger. "Auf der Liste der geraubte Stücke stehen auch
solche Ohrringe."
Marlene Kemper mustert den Schmuck genauer und schiebt sich ein Pfefferminzbonbon
in den Mund. "Interessant!", sagt sie. "Höchst interessant!"
 
Es ist kalt im Leichenschauhaus. "Ja", sagt Klaus Hartwig, der Juwelier,
nachdem er einen kurzen Blick auf den Toten geworfen hat. "Das ist einer
der beiden Gangster. Ganz klar - die Tätowierung
auf dem Handrücken."
Kommissarin Marlene Kemper nimmt den Juwelier gleich mit in ihre Büro
im Präsidium, um seine Aussage zu protokollieren. "Sehen Sie sich
zur Sicherheit noch einmal die Videoaufzeichnung
an,
die die versteckte Kamera in Ihrem Laden von dem Überfall gemacht
hat?", sagt sie, als sie und schiebt die Videokassette in den Recorder.
Auf dem Monitor flackert das Schwarzweiß-Bild von Hartwigs Laden
auf. Der Juwelier und eine Verkäuferin sind zu sehen. Plötzlich
stürzen zwei mit Motorradhelmen maskierte
Männer herein. Sie tragen enge lederne Motorradanzüge
und die dazugehörigen festen Handschuhe.
Der Überfall dauert kaum drei Minuten und wirkt auf dem Bildschirm
wie ein experimenteller Stummfilm. Schließlich fliehen die beiden
Gangster mit Schmuck im Wert von 50.000 Euro. Eine ungewöhnlich wertvolle
Beute, wie Kommissarin Marlene Kemper findet.
"Kein Zweifel", sagt Juwelier Hartwig. "Der größere der
beiden, das war der Tote."
 
Nachdem Hartwig gegangen ist, kommt Kriminalassistent Krüger mit
einem Bericht der Spurensicherung. "Ich denke, wir haben zumindest den
Überfall auf Hartwig geklärt", sagt er zufrieden. "In Behlings
Wohnung waren auch eine Menge Fingerabdrücke von Gert Wasner. Behling
und Wasner haben schon früher gemeinsam Überfälle begangen.
Wahrscheinlich ist er der zweite Räuber gewesen. Ich habe schon die
Fahndung nach ihm herausgegeben."
Zwei Stunden später greift eine Streife Wasner in einer Kneipe
auf. Man bringt ihn zu Marlene Kemper ins Präsidium.
"Was wollen Sie von mir?", faucht der stämmige Mann.
"Mir mit Ihnen ein kleines Video anschauen!"
Kommissarin Marlene Kemper gönnt sich ein Pfefferminz, dann spielt
sie Wasner die Videoaufzeichnung des Überfalles vor. Wasner wird seltsam
schweigsam.
"Dein Kumpel Udo Behling ist tot", sagt Marlene Kemper dann. "Du bist
der zweite Mann bei dem Überfall gewesen, ja?"
Wasner schluckt. "Okay", sagt er dann. "Den Überfall gebe ich
zu." Doch mit dem Mord an Behling will er absolut nichts zu tun haben.
"Ihr seid wegen der Beute in Streit geraten und die hast ihn beim Denkmal
im Park erstochen!", behauptet Kommissarin Marlene Kemper, um ihn
aus der Reserve zu locken.
"Nein!", beteuert Wasner.
"Aber wo ist dann die Beute? Außer den Ohrringen ist kein Stück
wieder aufgetaucht."
"Es gab einen dritten Mann bei dem Überfall", sagt Wasner langsam.
"Einer, der Behling den Tipp gab, dass bei Hartwig viel zu holen sei. Ich
habe mit dem Mann nie zu tun gehabt, das hat immer nur Behling geregelt.
Es war ausgemacht, dass Behling dem Mann die Beute gibt und uns mit jeweils
5.000 Euro auszahlt. Dieser dritte Mann muss der Mörder sein. Behling
wollte sich mit ihm gestern im Park treffen,
um zu kassieren und den Schmuck zu übergeben."
Marlene Kemper sieht Wasner nachdenklich an und schiebt ihr Pfefferminz
in die Backentasche. "Hast du keinen Verdacht, wer dieser Mann gewesen
sein könnte?"
Wasner rutscht unruhig hin und her. "Ich vermute, dass es der Juwelier
Hartwig selbst ist", sagt er dann. "Er soll finanzielle Probleme haben.
Und der gestohlene Schmuck war bestimmt hoch versichert. Wenn er Behling
für den Überfall angeheuert hat, dann liegt es doch nahe, dass
er Behling jetzt als Mitwisser töten musste. Während Nils Krüger
Wasner ins Untersuchungsgefängnis bringt, sieht die Kommissarin sich
noch einmal die Videoaufzeichnung des Überfalles an. Als Krüger
zurückkommt und sie vor dem Monitor sieht, meint er: "Immer noch nicht
genug Video gesehen?"
Marlene lächelt. "Konfuzius sagt:
Man sieht immer nur das, was man sehen will und nicht das, was man sehen
kann."
"Sagt Konfuzius auch etwas dazu, wer Behling ermordet hat?"
Marlene deutete auf den Bildschirm. "Ja. Ich weiß jetzt, das
unser sauberer Juwelier Behling getötet hat."
Wie kommt Marlene zu diesem Schluss?
Die Story noch einmal lesen
Zur Lösung
Lösung:
Juwelier Klaus Hartwig behauptete, Behling an seiner Handrückentätowierung
als einen der Räuber erkannt zu haben - dabei war auf der Videoaufzeichnung
klar zu sehen, dass beide Täter bei dem Überfall Handschuhe getragen
hatten.